
Stille
Stille geht der Tag zur Neige,
stille ruht der Abendschein.
Stille geh’n wir miteinander
in die stille Nacht hinein.Stille wird es rings auf Erden,
stille wird es auch in mir.
Stille wird’s in meiner Seele.
Denn ich ruhe still bei dir.Stille, Stille, alles stille.
Olaf Böhme – Die Tage die Nächte die Jahre – Gedichte 1980-2003
Still bist du und still bin ich.
Stille ist. Es ist so stille.
Wir sind still. Ich liebe dich.
Olaf Böhme hat viele Spuren hinterlassen – und jede Spur ist eine Erinnerung. Manch einer kannte ihn vielleicht persönlich, ein anderer wiederum erlebte ihn auf der Bühne. Immer aber hinterließ er Eindrücke und Erinnerungen. Diese Momente miteinander zu teilen und zu bewahren… Dafür ist hier Gelegenheit. Und wer weiß… Vielleicht wird ja sogar einmal ein Buch daraus?
Woran erinnern Sie sich am liebsten?
In meinen Lebenserinnerungen fand ich diese Sequenz und freute mich, wenn noch einige Menschen diese Vorstellung im Theater 50 in ihrem Gedächtnis tragen:
Do. 11. Feb. 1993: Theater 50 mit Olaf Böhme: “Schloß im Wörtersee”
Ich hatte mich damals richtig reingehängt in das Programm des kleinen Theaters 50 in der Malter-, Ecke Clara- Zetkinstraße. Keine neue Vorstellung ließ ich aus. Diese kleine Bühne war fast das Einmann- Unternehmen des Kabarettisten Olaf Böhme, dem ich damals große Bewunderung zollte. Die Spielstätte war im Erdgeschoss des Eckhauses untergebracht. Von der Straße führten einige Stufen zur Eingangstür, durch die man in den Vorraum gelangte. Ehemals war es vielleicht ein Straßencafé gewesen oder eine Eckkneipe, wie sie in vielen solchen Dresdener Quartiervierteln noch heute zu sehen sind.
Ein paar Stühle standen hier, ein oder zwei runde Tischchen. Mit schlichten Mitteln ist renoviert worden. Man konstatiert: Hier kämpft sich ein Schauspieler von ganz unten in die Selbständigkeit. Durch eine Durchreiche ist Herr Böhme zu sehen. Er streicht die bestellten Karten auf der handgeschriebenen Liste ab, fragt nach der Weinsorte, füllt den Wartenden Gläser ein und reicht kleine Schnittchen, kassiert. Wir sind zeitig da, sehen wie sich der kleine Raum füllt. Die Garderobe ist im winzigen engen Gang hinter der kleinen Küche, in der Böhme noch hantiert. Eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung drängt sich alles an der kleinen Tür, hinter der es noch dunkel ist. Schnell den Wein ausgetrunken und hinzugedrängt. Der „Theatersaal“ ist ein größeres Zimmer von vielleicht 40 m². Hinten sind ein paar hölzerne Podeste ansteigend eingebaut. Die Sitze sind denkbar spartanisch. Vorn sind es noch einfache Stapelstühle, dann sitzt man auf den Podeststufen, die mit dünnen Kissen gepolstert sind. Über uns, schon professioneller, mehrere Reihen Scheinwerfer, Kabel, Elektrik.
Immer dichter schieben sich die meist jugendlichen Zuschauer zusammen. Bald scheint kein Platz mehr frei, da drängen noch einige Spätkommer herein, recken suchend die Köpfe. Irgendwo rückt man zusammen, schafft noch etwas Freiraum, eine Welle geht durch die betroffene Reihe. Jeder gibt noch zwei Zentimeter nach. Dann geht in dem schwarz verhangenen Raum das Licht aus. Noch murmelt, hustet und knistert es, dann erstirbt jeder Ton. Ein Tonband plärrt eine Eingangsmelodie. Ein Spotlicht geht an. Olaf Böhme steht vorn, der vielseitige Mann hinter der Durchreiche. Er braucht kein Mikrofon. In der Hand hält er einen Plastebeutel.
„Ein Schloß im Wörtersee“. Man muss diesen Titel wört –lich nehmen, ohne h. Auf dem Fußboden des Spielzimmers liegt, so dass man bei der Platzsuche hindurchwaten muss, eine Flut von beschriebenem Knüllpapier, mit Wörtern eben, ein Wörtersee. Nun beginnt eine eineinhalbstündige Solodarstellung eines Sachsen, dessen Bonmots nur ein Sachse so richtig auskosten und wirklich genießen kann. Böhme führt in seinem Schlossrundgang den Besucher durch zeitgemäße Befindlichkeiten, gebrochen an Medienklischees und der empfindlichen Seele eines Einheimischen mit der Paradefigur des „betrunkenen Sachsen“, die ihm später zu regionaler Prominenz verhalf. Ein Mann aus dem Volke hält dem Volk den Spiegel vor. Bestes Kabarett, so meinte nicht nur ich. Ich hatte Schmerzen im Zwerchfell, war Teil einer köstlich unterhaltenen Familie von Gleichgesinnten Angesprochenen. Die Steuererklärung, immer wieder die „Muddi“, die neue Einkaufswelt… Er stand nicht uns gegenüber, er stand unter uns. Ein Feuerwerk brannte da ab von herrlichen Kalauern, Parodien und Imitationen auf den armen Turnbeutel, der sich mit seiner Frau, dem Haushalt, dem Finanzamt, der neuen westlichen Bürokratie und seiner arbeitslosen Männlichkeit herumschlägt. Wie er da schwankend, mit schwerer Zunge lallend, mit dem Plastikbeutel in der Hand sein überfordertes Ich verteidigt, das gehört zum Besten des sächsischen Kabaretts.
Ein ähnliches Gefühl dieses intimen Zimmertheaters empfand ich nur noch in den Begegnungen mit dem ebenfalls unvergesslichen Rolf Hoppe auf Schloss Weesenstein.
Rolf Bührend, 81 Jahre
Do. 11. Feb. 1993: Theater 50 mit Olaf Böhme: “Schloß im Wörtersee”
Ich hatte mich damals richtig reingehängt in das Programm des kleinen Theaters 50 in der Malter-, Ecke Clara- Zetkinstraße. Keine neue Vorstellung ließ ich aus. Diese kleine Bühne war fast das Einmann- Unternehmen des Kabarettisten Olaf Böhme, dem ich damals große Bewunderung zollte. Die Spielstätte war im Erdgeschoss des Eckhauses untergebracht. Von der Straße führten einige Stufen zur Eingangstür, durch die man in den Vorraum gelangte. Ehemals war es vielleicht ein Straßencafé gewesen oder eine Eckkneipe, wie sie in vielen solchen Dresdener Quartiervierteln noch heute zu sehen sind.
Ein paar Stühle standen hier, ein oder zwei runde Tischchen. Mit schlichten Mitteln ist renoviert worden. Man konstatiert: Hier kämpft sich ein Schauspieler von ganz unten in die Selbständigkeit. Durch eine Durchreiche ist Herr Böhme zu sehen. Er streicht die bestellten Karten auf der handgeschriebenen Liste ab, fragt nach der Weinsorte, füllt den Wartenden Gläser ein und reicht kleine Schnittchen, kassiert. Wir sind zeitig da, sehen wie sich der kleine Raum füllt. Die Garderobe ist im winzigen engen Gang hinter der kleinen Küche, in der Böhme noch hantiert. Eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung drängt sich alles an der kleinen Tür, hinter der es noch dunkel ist. Schnell den Wein ausgetrunken und hinzugedrängt. Der „Theatersaal“ ist ein größeres Zimmer von vielleicht 40 m². Hinten sind ein paar hölzerne Podeste ansteigend eingebaut. Die Sitze sind denkbar spartanisch. Vorn sind es noch einfache Stapelstühle, dann sitzt man auf den Podeststufen, die mit dünnen Kissen gepolstert sind. Über uns, schon professioneller, mehrere Reihen Scheinwerfer, Kabel, Elektrik.
Immer dichter schieben sich die meist jugendlichen Zuschauer zusammen. Bald scheint kein Platz mehr frei, da drängen noch einige Spätkommer herein, recken suchend die Köpfe. Irgendwo rückt man zusammen, schafft noch etwas Freiraum, eine Welle geht durch die betroffene Reihe. Jeder gibt noch zwei Zentimeter nach. Dann geht in dem schwarz verhangenen Raum das Licht aus. Noch murmelt, hustet und knistert es, dann erstirbt jeder Ton. Ein Tonband plärrt eine Eingangsmelodie. Ein Spotlicht geht an. Olaf Böhme steht vorn, der vielseitige Mann hinter der Durchreiche. Er braucht kein Mikrofon. In der Hand hält er einen Plastebeutel.
„Ein Schloß im Wörtersee“. Man muss diesen Titel wört –lich nehmen, ohne h. Auf dem Fußboden des Spielzimmers liegt, so dass man bei der Platzsuche hindurchwaten muss, eine Flut von beschriebenem Knüllpapier, mit Wörtern eben, ein Wörtersee. Nun beginnt eine eineinhalbstündige Solodarstellung eines Sachsen, dessen Bonmots nur ein Sachse so richtig auskosten und wirklich genießen kann. Böhme führt in seinem Schlossrundgang den Besucher durch zeitgemäße Befindlichkeiten, gebrochen an Medienklischees und der empfindlichen Seele eines Einheimischen mit der Paradefigur des „betrunkenen Sachsen“, die ihm später zu regionaler Prominenz verhalf. Ein Mann aus dem Volke hält dem Volk den Spiegel vor. Bestes Kabarett, so meinte nicht nur ich. Ich hatte Schmerzen im Zwerchfell, war Teil einer köstlich unterhaltenen Familie von Gleichgesinnten Angesprochenen. Die Steuererklärung, immer wieder die „Muddi“, die neue Einkaufswelt… Er stand nicht uns gegenüber, er stand unter uns. Ein Feuerwerk brannte da ab von herrlichen Kalauern, Parodien und Imitationen auf den armen Turnbeutel, der sich mit seiner Frau, dem Haushalt, dem Finanzamt, der neuen westlichen Bürokratie und seiner arbeitslosen Männlichkeit herumschlägt. Wie er da schwankend, mit schwerer Zunge lallend, mit dem Plastikbeutel in der Hand sein überfordertes Ich verteidigt, das gehört zum Besten des sächsischen Kabaretts.
Ein ähnliches Gefühl dieses intimen Zimmertheaters empfand ich nur noch in den Begegnungen mit dem ebenfalls unvergesslichen Rolf Hoppe auf Schloss Weesenstein.
Rolf Bührend, 81 Jahre